Wenn die Gedanken wandern

Beiläufige Gedanken - gibt es so etwas? Kann ein Gedanke überhaupt "beiläufig" sein? Ist er dann wie ein "Platzhalter" für einen "gehaltvollen" Gedanken?

Und was in aller Welt sollen "gehaltvolle" Gedanken sein?

Das Hindenken "belangloser" Gedanken bringt mich jetzt doch zum Denken "gehaltvoller" Gedanken. Pfeilschnell kommen sie in mir an mit einer gehörigen Portion gnadenlosen Schmerzes im Gepäck. Diese Gedanken rauben mir fast die Luft. Sie lassen mich das sanfte tiefe Atmen vergessen. Ich spüre wie meine Atmung schnell und angespannt wird. Meine Gedanken landen beim 10. April 2018, dem Tag, an dem ich aufhörte ein Kind von... zu sein. Dem Tag, an dem meine Mutter aus dem Nichts heraus gestorben ist. Ich weiß, dass ich immer das Kind meiner Eltern bleiben werde. Aber mit dem Tag fühlte es sich nie wieder so an wie ein Kind von...."zu sein. Mein heimlicher Halt wenn in meinem Leben irgendetwas schief geht und ich offene Türen und offene Herzen vorfinde ist ebenso an diesem Tag gestorben. Und auch die gefühlten 1000 Antworten, deren Fragen ich bis dahin noch nicht gestellt hatte.

Kalte lähmende Leere kroch an jenem Tag in jede einzelne meiner Körperzellen und hat mein Herz zu einem dunklen schwarzen Loch werden lassen. Ich habe nur noch funktioniert von dem Moment des Anrufes an. Das Funktionieren funktionierte teilweise sogar recht gut. Im Außen. Im Inneren nahm mir der Schmerz alles was mich sonst ausmacht. Meine Freude, meinen Humor, meine Leichtigkeit, mein Leben. Ich wurde zu einer funktionierenden Hülle. Ich habe das Leben um mich herum wahrgenommen. Das Leben anderer Menschen beobachtet. Es war, als wenn ich mich in einer endlos slow motion Schleife bewege und um mich herum pulsiert das Leben. Mein Leben gab es in dem Moment nicht mehr. Mein Leben gab es eine ganze Weile nicht mehr. Ein Korsett aus Schmerz, Trauer und Verzweiflung lag als Panzer um mich herum. Resistent gegen jegliche Versuche des Lebens wieder Kontakt zu mir aufzunehmen. Ich war einsam obwohl Menschen um mich herum waren. Einsam aber nicht alleine. Aber auch das konnte ich nicht spüren.

Nach ein paar Monaten wurde das Unverständnis aus meinem Umfeld spürbar. Das Leben muss weitergehen. Deine Mutter hat ihr Leben doch gelebt. Es war doch ein schöner Tod, sie hat doch nichts gespürt. Ja, mag sein.... Aber nichts von all den Worten hat sich "richtig" angefühlt. Nichts konnte den Panzer, das Korsett durchdringen. Nichts hat mir geholfen den Weg in mein Leben zurückzufinden. Für Trauer gibt es keine Vorbereitung. Sie ist da. Gnadenlos. Und jeder Mensch erlebt sie anders. Und das ist in Ordnung.

Vor dem ersten Todestag meiner Mutter hatte ich einen riesigen Respekt. Ich hatte Angst, dass die Schwärze und Schwere in mir Schwärzer und Schwerer wird und ich mich weiter vom Leben weg als auf das Leben zubewege. An dem Morgen saß ich alleine auf dem Fußboden im Bad. Ich habe in mich hinein gespürt und damit gerechnet, dass der innere Schmerz mich zerreißen würde. Ich war angespannt und nervös. Was dann ganz zart und leise in mir anfing zarte Ranken wachsen zu lassen war ein Gefühl der Dankbarkeit. Dankbarkeit für die gemeinsamen Jahre mit meiner Mutter. Dankbarkeit dafür, dass sie so gehen durfte wie sie es sich immer gewünscht hatte. Dankbarkeit dafür, dass sie dort gehen durfte wo sie es sich gewünscht hatte. An ihrem Kraftort.

Ich fühlte, wie mit der zarten Dankbarkeit ganz sanft das Leben auch wieder anfing in mich hinein zu fließen und das Korsett zu bröckeln begann.

Meine Mutter fehlt mir noch immer. Jeden einzelnen Tag. Aber es ist milder geworden. Ich lebe meine Leben wieder. Ich gehe meinen Weg.

Was ich im Vorfeld anders machen würde? Hätte ich eine Wahl, ich würde meine 1000 ungefragte Fragen stellen, über die ich noch mehr über meine Mutter und ihr Leben erfahren hätte. Wie sie sich fühlt. Wie es ihr geht. In bestimmten Situationen oder einfach so.

Dass ich so wenig darüber weiß wie es ihr wirklich ging und wie sich wirklich gefühlt hat tut noch immer weh. Aber der Schmerz ist mild geworden.

Wenn Du kannst, dann stelle Deinen Eltern Fragen zu allem was Du wissen möchtest. Es werden spannende und interessante Gespräche daraus entstehen.


Alles Liebe Dir.

Deine Imke

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